Wie sinnvoll und positiv ist Vergleichen


Vergleichen liegt den Menschen im Blut. Doch besonders schüchterne Menschen haben unter großen Minderwertigkeitskomplexen zu kämpfen. Sie vergleichen sich oftmals zu intensiv mit anderen, werten sich dabei ab und vermindern dadurch ihr Selbstvertrauen. Vergleichen kann förderlich, aber auch wie Gift sein. In diesem Beitrag erkläre ich, was Vergleichen ist und wie sinnvoll es wirklich ist.

Was bedeutet „Vergleichen“?

Im Wort „Vergleich“ steckt das Wort „gleich“, womit wir schon beim Kern der Sache wären. Wenn wir uns mit anderen vergleichen, stellen wir uns mit ihnen auf einer Ebene. Wir finden etwas, woran wir uns uns gegenseitig bewerten können. Es muss also gewissermaßen Gemeinsamkeiten geben, sonst wäre ein Vergleich überflüssig. Doch da sehe ich bereits einen Knackpunkt. Wir Menschen haben zwar Gemeinsamkeiten und sind uns ähnlich. Aber andererseits gibt es so viele Unterschiede von Mensch zu Mensch. Jeder Mensch ist einzigartig, wodurch ein Vergleich hinfällig ist. Erst in den letzten Jahren ist mir bewusst geworden, dass ein Vergleich mit anderen nicht immer sinnvoll ist bzw. ich es bisher nicht richtig gemacht habe. 


Doch warum vergleichen wir uns eigentlich mit anderen? 

Ich habe mich auch etwas in wissenschaftliche Theorien eingelesen und bin über die „Theorie des sozialen Vergleichs“ von Leon Festinger gestolpert. Diese besagt, dass Menschen Informationen über sich selbst gewinnen, indem sie sich mit anderen vergleichen.

Wie schon erwähnt, liegt es im Blut des Menschen. Sie sind nun einmal soziale Wesen, wir leben in einer Gemeinschaft Seite an Seite miteinander. Zum anderen gibt es eben auch Ähnlichkeiten. Es gibt in unserem Leben und im Alltag etliche Situationen, in denen es darum geht, Leistung zu zeigen. Das fängt schon in der Grundschule an. Immer wieder werden wir in Konkurrenz zu anderen gestellt. Selbst bei spielerischen Tätigkeiten liegt der Wettbewerbsaspekt zugrunde. Es geht außerdem in der Gesellschaft darum, dass man sich der Norm entsprechend verhält und agiert. Es gibt also immer einen Durchschnitt, an dem wir uns orientieren. Logischerweise resultieren daraus auch Kategorien wie „gut“, „schlecht“, „besser“ oder „schlechter“. Unser Denken wird von horizontalen wie auch vertikalen Vergleichen geprägt.


Hinter dem sozialen Vergleich stecken folgende Grundannahmen:

1 Menschen haben das Bedürfnis, sich eine realistische Vorstellung von der Welt zu machen, auch von sich selbst. Das ist insofern wichtig, wenn es um eine Selbsteinschätzung geht.
2 Sozialer Vergleich greift dann, wenn ein objektiver Maßstab fehlt. Wenn man beispielsweise an einer Note nicht genau erkennen kann, inwiefern sie wirklich eine Einschätzung gibt. Dann vergleicht man sich eben mit anderen Klassenkameraden.
3 Menschen wollen ständig ihre Fähigkeiten verbessern.
4  Die meisten Informationen gewinnt man aus dem Vergleich mit Personen, die einem ähneln.
5 Menschen wollen Meinungsunterschiede mit anderen Menschen vermindern. Dazu passen sie ihre eigene Meinung oder versuchen andere von ihren Ansichten zu überzeugen.


Vergleichsarten

Es kommt außerdem auch darauf an, wie man diesen Vergleich herstellt. Der Horizontalvergleich gibt realistische Informationen über sich selbst, indem man sich mit Ähnlichen und Gleichgestellten vergleicht. Es gibt außerdem den Abwärtsvergleich und den Aufwärtsvergleich. Beim Abwärtsvergleich stellt man sich jemanden gegenüber, der je nach Aspekt eher schlechter gestellt ist. Dadurch fühlt man sich automatisch besser. Dies dient zum Schutz des eigenen Selbstvertrauens und Selbstwertgefühles. Hier liegt der Fokus also auf den eigenen positiven Aspekten des Lebens, Fähigkeiten und Eigenschaften.

Beim Aufwärtsvergleich dagegen misst man sich an Menschen, denen es in irgendeinem Lebensbereich besser geht oder deren Fähigkeiten oder Eigenschaften besser sind als die eigenen. Es geht hier also genau um das Gegenteil. Man vergleicht sich mit jemanden, der eben in irgendeinem Bereich besser ist oder es besser hat. Das führt dann eher zum negativen Effekt, dass man sich schlechter danach fühlt. Hier wiederum konzentriert man sich mehr auf eigene Fehler, Schwächen und Defizite.


Ist Vergleichen generell schlecht und zu vermeiden?

Ich würde sagen, dass Vergleichen generell nicht schlecht ist. Wir brauchen Vergleiche in der Gesellschaft, um Leistung zu messen. Darüber hinaus sind Vergleiche eben wichtig, um Informationen über sich und andere zu gewinnen. Deswegen wird es Vergleiche auch immer geben. Außerdem finde ich es auch gut, dass wir uns mit Vergleichen an andere orientieren können. In entsprechenden Situationen ist es ratsamer mit der Masse zu gehen und nicht auf Teufel kommt raus immer seine Meinung durchzusetzen. 

Es kommt auch darauf an, wie man vergleicht. Von den drei Arten, die ich eingeführt habe, empfinde ich den Horizontaltvergleich mit am besten, da man wirklich versucht sich mit jemanden zu vergleichen, der einem ähnlich ist. Das führt dann auch zu einer stärkeren Bindung. Andererseits kann es auch in die falsche Richtung gehen. Man macht jemanden etwas nach, was nicht gut ist. Man verliert sich eventuell dadurch selbst, weil man sich an jemanden anpasst.

Der Abwärtsvergleich führt tatsächlich dazu, dass man sich besser fühlt. Es klingt zunächst einmal eher arrogant oder gemein, wenn man sich dann mit Menschen vergleicht, die beispielsweise arm sind und hungern müssen. Es ist nicht so, dass man Schadenfreude empfindet oder dass man sich ihnen überlegen fühlt. Man macht sich das Leid auf der Welt bewusst und auch, dass es Menschen gibt, deren Leben schlimmer ist als das eigene. 

Besonders in eigenen Krisen oder bei eigenen Problemen, hilft diese Sichtweise alles zu relativieren und für die Dinge dankbar zu sein, die andere nicht haben. Ich finde es nicht schlimm, wenn man das tut, aber eben um eigene Probleme in die richtige Perspektive zu setzen und Dankbarkeit auszuüben. Aber sich dann ständig anderen gegenüber überlegen zu fühlen und sich darüber zu erfreuen, dass es anderen schlechter geht, davon halte ich nichts. Das ist unmenschlich und sollte nicht Sinn dieses Vergleichs sein.

Am schwersten haben es schüchterne Menschen aber eher mit Aufwärtsvergleichen. Da wir sehr streng mit uns sind, unsere Fehler und Schwächen zu gut kennen und uns dafür bestrafen, vergleichen wir uns auch zu oft mit anderen. Das führt dazu, dass man sich zu sehr auf seine Fehler und Makel fixiert und dabei vergisst, dass man selbst so viel Gutes an sich hat. Man vergleicht sich also mit einem verzerrten Blick und verliert das große Ganze aus den Augen. Denn oftmals übersehen, dass andere Menschen dafür in anderen Bereichen schlechter sind als wir. Oder wir glauben, dass es dem anderen besser geht. Aber wir sehen den Menschen nicht so wie er ist. Wir wissen nicht, wie sein Leben ist, können nicht in seinen Kopf schauen und so leben wie er es tut.

Doch wir müssen uns bei solchen Aufwärtsvergleichen nicht schlechter fühlen. Auch hier kann die Perspektive sehr leicht positive Folgen für uns haben. Man kann sich mit anderen vergleichen, die man für etwas bewundert. Es geht ja meist darum, dass der andere etwas hat, was man nicht hat oder etwas besser kann als man selbst. Das an sich ist nicht tragisch, sondern erst einmal eine objektive Feststellung. 

Doch die Interpretation dessen verläuft meist in eine nicht so gute Richtung. Wir kritisieren uns dadurch und werten uns gleich als schlecht ab. Das muss nicht sein! Stattdessen können wir erst einmal nüchtern feststellen, dass der andere irgendwo und irgendwie besser ist als wir. Was folgt dann? Statt in Selbstmitleid zu versinken und sich schlechter zu machen, können wir den Spieß umdrehen und das als Motivation zur eigenen Verbesserung nutzen. Wie schon erwähnt, steckt hinter dem Vergleichen auch das Bedürfnis sich zu verbessern. Statt also Selbstkritik auszuüben, müssen wir nicht fragen, warum wir nicht so sind. Wir sollten uns nicht auf das Problem versteifen, sondern nach neuen Wegen und Lösungen suchen.

Wir überlegen uns, was diesen Menschen so auszeichnet. Wir fragen ihn, wie er es geschafft hat, so gut zu werden. Wir können statt negativer Energie, positive Energie gewinnen, die uns anspornt so zu werden wie der andere. Wir können nach Tipps und Ratschlägen fragen. Dem anderen vermitteln, dass wir ihn bewundern und vielleicht auch nach Hilfe und Unterstützung fragen. Das ist doch viel besser, als den anderen zu beneiden und zu verachten, weil er etwas hat, was wir nicht haben. Gleichzeitig stärken wir die Bindung und ziehen daraus einen Vorteil. 

Deswegen schreibe ich, dass Vergleichen nicht immer schlecht sein muss. Vergleichen kann destruktiv sein, wenn wir in unser Unzufriedenheit verharren und nur meckern und jammern und andere beneiden. Vergleichen kann aber auch Veränderungen einleiten, Selbstvertrauen stärken, eine neue Richtung geben und Motivation schenken.


Warum es dennoch besser ist sich nicht übermäßig zu vergleichen

Doch es muss nicht der Vergleich mit anderen sein. Wie schon anfangs erwähnt kann Vergleichen eben auch sehr tückisch sein. Gewinnt man aber Abstand davon und weiß, wie man es richtig macht, kann man auch sinnvoll vergleichen. Ich rate aber dazu, sich trotzdem nicht zu oft mit anderen zu vergleichen. Es ist einfach Tatsache, dass jeder Mensch anders ist, unter anderen Bedingungen aufgewachsen ist, andere Gene hat und und und. Jeder Mensch ist einzigartig und insofern darf man sich eigentlich nicht mit anderen vergleichen. Ich glaube, dass es tatsächlich gut ist, wenn man es auch sein lässt. Stattdessen sollte man den Fokus auf sich selbst richten. Man sollte seine eigene Individualität entfalten, an sich selbst arbeiten und seine Stärken und Fähigkeiten verbessern. 

Vergleichen kann eben viel Unzufriedenheit stiften, man macht sich eventuell auch ein verzerrtes Bild von sich und den anderen. Außerdem hat man eben einfach nicht alle Informationen über andere. Daher wird es niemals ein ganz objektives Bild geben, weil wir die Welt immer aus einer bestimmten Brille ansehen. Es stärkt außerdem zu sehr das Konkurrenzdenken und fördert den Leistungsdruck. Besser empfinde ich es, wenn man sich vergleicht, dass man nicht auf die Unterschiede, sondern Gemeinsamkeiten schaut. Man erfreut sich an dem, was andere ebenso haben, empfinden und sehen. Statt also einen Keil zwischen sich und andere zu treiben, schweißt man das Gemeinschaftsgefühl.

Ich finde es besser, wenn man sich nur mit sich selbst vergleicht. Das wäre der beste, was man tun kann und auch am hilfreichsten. Denn dann kann man auch wirklich gute Informationen ableiten, die einem weiterhelfen und nicht den Blick trüben. Wie genau sieht das dann aber aus? Man kann sich über einen längeren Zeitpunkt mit seinem früheren Ich vergleichen. Man überlegt sich, wie man früher gewesen ist und wie man gerne sein möchte. Es wird also ein Vergangenheits-Ich, ein Zukunfts-Ich, aber auch ein Gegenwarts-Ich erstellt. Letzteres betrifft also den jetzigen Ist-Zustand. Beim Zukunfts-Ich überlegt man sich, wer man denn gerne sein möchte. 

Da hilft es sich mal Ruhe und Entspannung zu verschaffen und in sich zu gehen. Wer will ich sein? Was möchte ich an mir ändern und verbessern? Es ist wichtig, dabei alle drei Ichs sozusagen gleichermaßen im Auge zu behalten. Dabei stellt man vielleicht fest, dass man sich sehr gut weiter entwickelt hat und es Potenzial für die Zukunft gibt.

Gut an dem Vergleich mit sich selbst ist, dass man also nicht durch andere abgelenkt wird. Man fokussiert sich nur auf sich selbst und hat einen realistischen Maßstab. Es hilft einem Pläne zu schmieden und Ziele zu setzen. Man beginnt automatisch seine Persönlichkeitsentwicklung zu beobachten und daran zu arbeiten. Außerdem ist der Vergleich ja auf einen selbst bezogen und dadurch einzigartig an uns selbst angepasst. Aber das versteht sich ja von selbst.


Abschließend fasse ich das Wichtigste zusammen:

• Vergleichen ist nicht immer schlecht, es hängt immer davon ab, wie man sich vergleicht.        
• Vergleichen war und wird auch immer wichtig sein, um Informationen über sich und andere zu gewinnen
• Die Perspektive, die wir einnehmen und die Schwerpunkte, die wir setzen, sind eben nicht immer realistisch und objektiv
• An sich halte ich vergleichen nicht immer für gut, weil wir Menschen einfach einzigartig und unvergleichlich sind
• Vergleichen kann sinnvoll sein, wenn wir es richtig machen
• Vergleiche ich mich mit Gleichgesinnten ist es gut, weil ich die Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten hervorhebe.
• Abwärtsvergleiche sind positiv, wenn wir unser Selbstwertgefühl schützen und uns in Dankbarkeit üben
• Aufwärtsvergleiche können ebenfalls positiv ausfallen, wenn wir uns dann selbst motivieren uns zu verbessern
• Am besten halte ich aber den Vergleich mit sich selbst. Dabei können wir uns mit unserem früheren und jetzigen Ich vergleichen, aber auch Pläne schmieden, um ein gutes zukünftiges Ich zu erreichen.
• Statt sich ständig in Konkurrenz mit anderen zu sehen, finde ich Vergleichen vor allem dann besser, wenn wir Gemeinsamkeiten hervorheben oder die Einzigartigkeit des anderen schätzen und ihn dafür bewundern

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