Positives zur Schüchternheit

Die guten Seiten der Schüchternheit


Im letzten Beitrag ging es darum, die eigene Schüchternheit nicht als einen Feind zu sehen, den man zu bekämpfen hat. Nein, es ging darum, die Schüchternheit zu akzeptieren, anzunehmen, da sie ein Teil von uns ist. Mit dieser Einstellung fällt es uns schon leichter, mit ihr effektiv umzugehen. Der nächste Schritt besteht darin, auch ihre positiven Seiten zu erkennen und sie damit auch lieb zu gewinnen. Da fragt ihr euch bestimmt: Wozu soll denn das gut sein? Ich will sie doch nicht wertschätzen, denn dann würde ich nicht von ihr loskommen! 


Ich finde diese Einstellung, wie gesagt, nicht sehr hilfreich. Denn es wäre vor allem zu Beginn nicht sinnvoll, der Schüchternheit den Krieg anzusagen. Es ist wichtig, auch die guten Aspekte zu erkennen, zu sehen, dass nicht alles Schwarz-Weiß ist, sondern auch seine Vorteile hat. Es ist verständlich, dass ihr nicht mehr schüchtern leben wollt, weil die Gesellschaft euch deswegen stigmatisiert und abgewertet hat. Dadurch habt ihr gewissermaßen eine „beschränkte“ Sichtweise erhalten und seht nur das Schlechte in der Schüchternheit. Aber sie hat auch wirklich Positives zu bieten, was ihr ruhig behalten solltet. Einfach nur offener zu werden und ins andere Extrem zu verfallen, Menschen leichtsinnig zu vertrauen, alles zu erzählen oder nur über euch zu reden, das kann es auch nicht sein. 

Die guten Facetten zu erkennen hilft einem auch selbst, erst einmal mit der Schüchternheit zu leben. Denn es wird euch nicht gelingen, sie von heute auf morgen abzulegen. Womöglich wird sie nie wirklich verschwinden. Wenn ihr frustriert seid, weil ihr anfangs noch nicht die Fortschritte macht, die ihr anstrebt, dann gebt bitte nicht auf. Es ist ein sehr langer Weg, bis ihr endlich mehr Offenheit gewinnen könnt (Ich spreche da aus Erfahrung). Doch akzeptiert, dass es so ist und ihr werdet damit auch gelassener umgehen. Und seid trotzdem stolz auf euch, denn ihr habt schon einiges bisher geleistet, was euch voran bringt.


Im Folgenden findet ihr eine Auflistung der Vorteile, die Schüchternheit mit sich bringt


Schüchterne Menschen können gut zuhören

Der größte Vorteil, den ich in Schüchternheit sehe, ist, dass wir anderen Menschen mehr Raum geben, zu reden. Ich persönlich finde es aber auch generell schön, andere mehr reden zu lassen. Das gibt mir die Chance, mehr von anderen zu erfahren. Wenn ich nur über mich reden würde, würde ich nur Dinge erfahren, die ich doch schon kenne. Das ist schon langweilig, wenn man das eigene mehrmals wiederholt. Deswegen bevorzuge ich es zuzuhören und dadurch neue Gedanken, Ideen, Erfahrungen zu bekommen und sie mit anderen zu teilen. 

Heutzutage ist es eine recht seltene Fähigkeit, aktiv zuzuhören. Während andere sich schon überlegen, was sie auf das Gesagte antworten, ohne wirklich zuzuhören, sind Schüchterne präsent. Sie konzentrieren sich vollkommen auf das Hier und Jetzt, auf ihren Gesprächspartner, wie er spricht, was er sagt, wie er dabei gestikuliert und Gefühle ausdrückt. Damit hängen auch die anderen Vorteile wie Beobachtungsgabe und Analytiker zusammen, auf die ich später noch eingehen werde. 

Jedenfalls sind Schüchterne sehr gut darin, die Worte anderer aufzunehmen und dann darüber zu reflektieren. Sie denken nicht darüber nach, was sie als nächstes sagen können. Sie empfinden wahres Interesse an dem, was andere bewegt. Damit einher geht, dass sie dann auch mehr Fragen stellen, die den Gesprächspartner noch mehr aus der Reserve locken und das Gefühl geben, dass man an ihm interessiert ist. 

Aktives Zuhören besteht nicht nur aus dem bewussten Zuhören, sondern auch, dass man sich mit den Gedanken, Gefühlen, Einstellungen und Erfahrungen des Gegenüber auseinander setzt, was Schüchterne sehr stark tun, vor allem da sie auch sehr empathisch sind (siehe nächster Punkt). Dies gelingt ihnen, da sie das Gesagte vom Partner in eigene Worte überführen und eben Fragen stellen. Sie arbeiten wie Detektive, die dann Stück für Stück das große Puzzle zur Wahrheit zusammen fügen. Mitmenschen schätzen an ruhigen Menschen, dass sie bei ihnen sein können, wie sie sind. Sie müssen sich selbst nicht zurücknehmen, sie können sich entspannen, fallen lassen und all ihren Kummer von der Seele reden. Sie wissen, dass ihre Geheimnisse bei stillen Menschen gut aufgehoben sind und sie wirklich Interesse zeigen.


Schüchterne Menschen sind empathisch

Was wir häufig eher als Nachteil sehen, kann im Gegenteil eine wahre Stärke sein: wir denken viel darüber nach, was in anderen vorgeht, was sie denken und fühlen. Wir sind sehr mit unseren Mitmenschen beschäftigt, was durchaus gut sein kann. Denn dadurch können wir uns besser mit ihnen identifizieren, schüchterne Menschen versetzen sich leicht in die Lage ihrer Mitmenschen. Sie verfügen über eine hohe Empathie, sprich können leicht nachempfinden und sich vorstellen, welche Gedanken, Gefühle und Erlebnisse er in sich trägt. Das ist für das soziale Miteinander unabdingbar. Heutzutage ist es eine der wichtigsten Eigenschaften, die man braucht, sowohl im privaten als auch beruflichen Bereich. In intimen Gesprächen gehen wir auf andere ein, wir interessieren uns für ihre Belange, teilen mit ihnen ihre positiven und negativen Empfindungen und Erlebnisse, als ob es unsere eigenen wären. 

Dabei denken wir wirklich nur an den Gesprächspartner und vergessen uns dabei selbst. Wir schlüpfen nicht nur in die Rolle des Detektivs, sondern auch in die des Psychologen, auf den ich dann im nächsten Punkt noch mal eingehen möchte. Weil wir offen sind für das Innenleben anderer, fällt es uns leichter, zu anderen vorzudringen. Im sozialen Alltag ist es wichtig, dass man nicht nur sich sieht, sondern sich auch mit den Motiven, Wünschen und Einstellungen anderer auseinandersetzt, auf diese eingeht, Rücksicht auf sie nimmt etc. Und all das gelingt, wie ich finde, schüchternen Menschen doch wesentlich besser als anderen, da sie eben besonders sensibel für andere sind.


Schüchterne sind altruistisch und helfen gerne anderen

Damit wären wir bei dem nächsten Punkt. Ich hatte ja schon bereits angesprochen, dass stille Menschen auch private Psychologen sein können. Das sehe ich bei mir selbst. Viele meiner Freunde kommen auf mich zu, wenn sie Probleme haben, über die sie reden möchten. Ich muss sie nicht einmal darauf ansprechen, sie tun es schon von allein. Wahrscheinlich haben Schüchterne einfach so eine gewisse vertrauenswürdige Aura, sodass es anderen leichter fällt, sich „innerlich“ zu entblößen. So bin ich stets die Anlaufstelle für Probleme, ein Kummerkasten, der immer ein offenes Ohr hat. Natürlich darf das nicht ausarten, sodass man nur noch den Mülleimer für seelische Probleme spielt. Man muss sich da auch Grenzen setzen, sonst wird es zu viel. Stille Menschen sind ja auch keine ausgebildeten Psychologen. 

Aber in gewissen Rahmen verfügen wir doch über entsprechende Fähigkeiten, die uns erlauben, die Probleme anderer tiefgründig zu analysieren. Ich höre mir gerne an, was andere belastet und überlege mir intensiv, wie man diese Probleme lösen kann. Das geht manchmal so weit, dass es mich schon sehr beschäftigt. Natürlich sollte man aufpassen, dass es einen nicht zu sehr mitnimmt. Das fällt schüchternen Menschen nicht so leicht, da sie eben sehr empathisch sind.

Jedenfalls haben Schüchterne die Tendenz, anderen zu helfen und sie zu unterstützen. Sie sind ja generell mehr auf andere fixiert und sind sehr aufmerksam, merken sofort, wenn jemand in Not ist oder ziehen sozusagen Menschen, die Sorgen haben, förmlich an. Es kann sein, dass sie das vor allem tun, weil sie dadurch ihr Selbstwertgefühl stärken. Wenn sie von anderen gebraucht werden und ihnen helfen, dann fühlen sie sich wertvoller. Das ist an sich nicht unbedenklich, wenn es die einzige Quelle für Selbstwertgefühl ist und man kann sich dadurch auch abhängig machen. 

Wir sollten uns klar machen, dass wir auch ohne das Helfen wertvolle Menschen sind. Unser Wert definiert sich nämlich nicht durch das Handeln, sondern durch das, was wir sind. Und daher ändert er sich auch nicht. Zurück zum Thema. Ich für meinen Teil helfe anderen wirklich gern, aber nicht weil ich mich dadurch besser oder wie ein toller Mensch fühle. Sondern weil ich aufrichtig am Wohlbefinden anderer interessiert bin und dadurch auch eine bessere Welt schaffen möchte. Wir sind ja alle keine Inseln, sondern miteinander verbunden. Ich möchte Gutes in der Welt leisten und  so geht es bestimmt vielen von euch.


Sie sind freundlich und achten auf ein gutes soziales Miteinander

Weil Schüchterne eben immer nachdenken, bevor sie etwas tun und sich auch überlegen, welche Konsequenzen ihr Handeln für andere hat, sind sie sehr rücksichtsvoll. Sie passen darauf auf, dass sie sich nicht daneben verhalten, orientieren sich an sozialen Werten und Normen, fallen nicht auf, passen sich eben an. Klar zu viel Konformismus ist auch nicht gut, dadurch geht Individualität verloren. Aber in einem gewissen Rahmen ist das wirklich sehr gut und trägt auch zu einem guten sozialen Miteinander bei. Schüchterne Menschen denken weiß gott nicht nur an sich, sondern vor allem an andere. Dementsprechend müssen sie nicht immerzu auf ihre Wünsche pochen, nehmen Rücksicht auf die Gefühle und Bedürfnisse anderer und suchen den Kompromiss, falls es mal Meinungsunterschiede gibt.

 Sie sind ordentlich, zuverlässig und sehr kooperativ. Außerdem wollen sie es anderen so gut wie es geht Recht machen. Wenn man etwas von ihnen erwartet, wird es dann auch meist gut erfüllt. Es geht bei ihnen nicht um Egoismus und Gewinn, sondern darum, dass alle sich miteinander verstehen. Außerdem streben sie danach Teil der Gemeinschaft zu sein und tun dann auch alles, um dazu zugehören. Wie gesagt, in einem gesunden Maße ist das auch unproblematisch.


Schüchterne strahlen eine gewisse Ruhe aus, die entspannt

Meist denken ruhige Menschen, dass man ihnen die Schüchternheit und Nervosität ansieht, aber es ist eher so, dass sie nicht so stark auffällt. Positiv empfinden es andere, wenn sie mit Schüchternen zusammen sind, weil sie eine gewisse Ruhe ausstrahlen. Sie sagen nicht viel und dadurch kann man ihnen auch sehr gut schweigen. Ich denke mal, dass das auch ausschlaggebend ist, dass andere sich uns gegenüber besser öffnen können. Bei einem Menschen, der die ganze Zeit nur hippelig ist und wie ein Wasserfall redet, kann man nicht zur Ruhe kommen oder sich gut öffnen. Doch sobald man mit uns zu tun hat, schalten andere einen Gang runter und tauen bei uns auf.


Schüchterne wirken geheimnisvoll, weil sie nicht zu viel von sich verraten

Gerade weil Schüchterne diese Ruhe ausstrahlen und nicht viel über sich reden, kann das vor allem in Beziehungssachen auch ungemein geheimnisvoll und anziehend wirken. Auf der einen Seite denken wir, dass es doch eher einen langweiligen Eindruck auf andere macht, wenn man nichts sagt. Aber es gibt auch einige Menschen, die das spannend finden, wenn jemand nichts über sich verrät und sie selbst dann sozusagen der Wahrheit näher kommen müssen. Es ist das Unbekannte, was für sie reizvoll ist. Schüchterne können sich rar machen, obwohl sie das nicht einmal bewusst oder willentlich tun. Sie können sich nur Stück für Stück öffnen, was für andere aber eine spielerische Herausforderung ist.


Sie sind sich ihrer Selbst bewusst und wissen wer sie sind

Stille Menschen sind mehr in sich gekehrt und setzen sich mit ihrem Innenleben auseinander. Das hat den großen Vorteil, dass sie sich selbst sehr gut kennen. Selbsterkenntnis ist ein wichtiger Schritt zur Selbstentfaltung, den sie bereits gegangen sind. Sie wissen wer sie sind, was ihre Schwächen und Stärken sind, was sie mögen und was sie nicht mögen, welche Wünsche, Bedürfnisse, Ansichten, Träume und Ängste sie haben. 


Schüchterne sprechen und handeln mit Bedacht

Ich hatte es bereits angesprochen. Da Schüchterne viel Zeit damit verbringen, über Szenarien und Folgen ihres Handelns nachzudenken, handeln sie nicht voreilig. Besonders bei wichtigen Entscheidungen nehmen sie sich viel Zeit, darüber nachzudenken, Vorteile und Nachteile zu vergleichen, abzuwägen und zu überlegen, was das Beste wäre. Anders als andere Menschen brechen sie nicht in Wutausbrüche aus, machen ihren Gefühlen nicht so leichtsinnig Luft und verletzen dadurch andere nicht. Sie regulieren ihre Emotionen eher und reflektieren darüber, um Abstand zu gewinnen. Sie sagen auch nicht aus einer Laune heraus, Dinge, die anderen verletzen würden, weil sie ja nachdenken, bevor sie sprechen. Das Gleiche gilt auch für das Handeln. Bevor sie etwas tun, denken sie über die möglichen Folgen nach. Damit verhindern sie Handeln, das sich negativ auswirken könnte. 


Sie können gut beobachten

Schüchterne Menschen halten sich ja meist eher im Hintergrund auf, besonders in Gruppen und lassen eher die anderen agieren. Das gibt ihnen die Möglichkeit, das Geschehen aus einer sicheren Stellung zu beobachten. Während andere drauf los reden, nutzen sie die Chance, sich einen Überblick zu schaffen, Zusammenhänge zu sehen, die Gestik und Mimik anderer zu analysieren. Da sie sehr auf andere konzentriert sind, fallen ihnen die kleinsten Details und Ungereimtheiten auf, die sie entsprechend deuten können. 


Schüchterne neigen dazu Situationen zu analysieren und sind besser vorbereitet

Da Schüchterne sehr gerne andere beobachten und eben viel über das, was sie erleben reflektieren, sind sie auch in der Lage Situationen gut zu überblicken und von vorne bis hinten zu untersuchen und zu deuten. Sie haben ein ausgeprägtes Vorstellungsvermögen und wollen bestens vorbereitet sein. Das ist gut, weil sie deswegen vorausplanen und mögliche Komplikationen mit berücksichtigen. Sie denken ja meist nach, bevor sie etwas sagen oder tun und demnach können ihnen Pannen und Fehler nicht so leicht passieren.


Schüchterne nehmen sich mehr Zeit für Reflexion, woraus Kreativität entsteht

Da Schüchterne sehr mit ihrem Innenleben beschäftigt sind und demzufolge auch Zeit für Nichtstun haben, ermöglicht ihnen das auch mehr Zeit und Raum für Kreativität. Denn Kreativität kann sich vor allem dann entfalten, wenn man nicht ständig im aktiven Modus ist, sondern auch mal einfach nichts tut. 


Schüchterne sind sehr kritisch und arbeiten daher gewissenhaft und sorgfältig

Schüchternheit beruht ja vor allem auf der Angst, etwas vor anderen falsch zu machen. Demzufolge vermeiden Schüchterne es tunlichst, Fehler zu begehen. Das ist an sich sowohl positiv als negativ. Negativ, weil ich finde, dass man eine gesunde Einstellung und einen gesunden Umgang mit Fehlerhaftigkeit entwickeln sollte. Fehler gehören einfach zu Entwicklung dazu und helfen uns etwas zu lernen. Andererseits finde ich es schon gut, wenn man kritisch mit sich und seinen Fehlern und Schwächen umgeht. Alles schönzureden ist auch keine Option. 

Jedenfalls wissen Schüchterne besser als andere, wo ihre Problemstellen und Reserven liegen. Sie nehmen sie bewusst wahr und versuchen auch an ihnen zu arbeiten. Ich merke es auch an mir selbst, dass ich etwas perfektionistisch veranlagt bin und möglichst alles richtig machen möchte. Das ist in einem bestimmten Maße auch nicht falsch, sondern positiv! Das hat zur Folge, dass wir eben darauf achten, alle Aufgaben und Projekte ordentlich zu erledigen. Es geht uns um eine gute Leistung und möglichst keine Fehler zu machen. Demzufolge ist die Arbeitsweise von ruhigen Menschen sehr gewissenhaft und ordentlich. Man kann sich auf uns verlassen, dass wir die an uns anvertrauten Sachen, gut bewältigen.


Fazit

Wie ihr seht, bietet die Schüchternheit doch erstaunlich viele positive Facetten. Wenn man sich mit diesen befasst, merkt man mal, wie differenziert und komplex Schüchternheit ist. Die Eigenschaften, von denen wir dachten, sie seien eher Schwächen, haben sich als Stärken erwiesen. Mit diesem Beitrag wollte ich euch zeigen, dass alles wie eine Medaille zwei Seiten hat, je nachdem wie man auf sie schaut. Genauso ist es mit der Schüchternheit. Sie ist nicht einfach nur etwas Schlechtes, was man loswerden muss, so wie eine Krankheit. Sie besitzt erstaunlich viele positive Seiten, die man unbedingt beibehalten sollte. Deswegen spreche ich mich auch für die Akzeptanz und Wertschätzung von Schüchternheit aus. Ich hoffe, ich konnte euch einige gute Argumente erbringen, weswegen ihr eure Schüchternheit doch lieb gewinnen solltet.

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